"Skandinavischer Pragmatismus": Finnland und seine Energiepolitik


Viele Grüße aus Finnland Urlaubsgrüße aus Finnland, vom Deutschen Atomforum an alle deutschen Bundes-, Landtags- und Europa-Abgeordneten verschickt, haben hierzulande eine angeregte Diskussion in Gang gesetzt: Was kann Deutschland in Sachen Energiepolitik und Dialogkultur von den Finnen lernen?

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Rund zwei Stunden benötigt der Intercity 2, der sich von der finnischen Hauptstadt Helsinki aus Richtung Westküste seinen Weg durch die grünen Küstenebenen bahnt, bis er Turku, die älteste Stadt Finnlands, erreicht. Abwechselnd säumen fruchtbare Felder und lichte Mischwälder die Fahrtstrecke. Beiderseits des Bahndamms blitzen immer wieder die typischen rot-weiß gestrichenen Holzhäuser aus dem satten Grün hervor – eine Bilderbuchlandschaft. Finnland ist der waldreichste Staat Europas, gilt als „Land der tausend Seen“, und seine urwüchsigen Landschaften bieten zahlreichen seltenen Wildtierarten, wie etwa Braunbär oder Luchs, eine Heimat.

Doch das Land im hohen Norden wird nicht nur wegen seiner einzigartigen Naturschönheiten geschätzt. Auch in Sachen Politik macht es immer wieder von sich reden, zum Beispiel, wenn es um vorbildliche Bildungsreformen geht. Bekannt ist Finnland aber auch wegen seiner pragmatischen Energiepolitik; in kaum einem anderen Land Europas wird so undogmatisch und vorurteilsfrei über die Erfordernisse einer zukunftsfähigen Energieversorgung diskutiert wie in dem 5,3 Millionen Einwohner zählenden Schärenstaat.  

Weltweit beachtetes Symbol hierfür ist das Atomkraftwerk Olkiliuoto 3, das sich seit drei Jahren im Bau befindet und spätestens 2011 ans Netz gehen soll. Etwa eineinhalb Autostunden benötigt, wer von der traditionsreichen Universitäts- und Hansestadt Turku aus einen Abstecher auf die nördlich gelegene Insel Olkiluoto machen will. Inmitten von Wasser und Wäldern ist dort eine der derzeit größten Baustellen Europas zu besichtigen. In einem Besucherzentrum kann man sich ausführlich über Details und Projektfortschritte des hochmodernen Druckwasserreaktors informieren. Gebaut wird der Reaktor im Auftrag des finnischen Industrie- und Kraftwerksverbundes TVO von einem Konsortium unter Federführung der deutschen Siemens AG und des französischen Nuklearkonzerns Areva.

Rationale Abwägung

Finnlands Gesellschaft gilt heute als besonders aufgeschlossen gegenüber der Kernkraft. Das war nicht immer so. Noch vor Jahren waren die Gegner der Kernenergie in der Mehrheit. Doch drastisch gestiegene Strompreise und eine zunehmende Abhängigkeit von Gas- und Stromimporten aus dem Nachbarland Russland haben in Finnland eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber in Gang gesetzt, wie die Energieversorgung langfristig gesichert werden kann und gleichzeitig die volkswirtschaftlichen Kosten beherrschbar bleiben.

Dabei ist den Finnen gelungen, was auch Deutschland dringend anzuraten wäre – eine nüchterne, rationale Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen der Kernenergienutzung. Tatsache ist: Mit seinen stromintensiven Industrien (Papier- und Zellulose-, Metall- und Chemieindustrie) sowie seinem kalten Klima und den großen Entfernungen in dem dünn besiedelten Land muss Finnland einem überdurchschnittlich hohen Pro-Kopf-Energieverbrauch Rechnung tragen. Gleichzeitig hat sich das skandinavische Land als Unterzeichner des Kyoto-Protokolls zur deutlichen Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen verpflichtet. Dem Ausbau der Erneuerbaren Energien sind in Finnland indes natürliche Grenzen gesetzt. So können Wasser- und Windkraft aus ökologischen bzw. klimatischen Gründen nicht weiter ausgebaut werden, und die Solarenergie spielt in dem Land am Polarkreis ohnehin keine Rolle. Hinzu kommt, dass Finnland arm ist an heimischen Energiereserven; rund 70 Prozent der benötigten Energie müssen importiert werden – eine Abhängigkeit, die zunehmend als Bedrohung für das wirtschaftliche Gleichgewicht empfunden wurde.

Nicht zuletzt deshalb, aber auch aus Gründen des Klimaschutzes und der Preisstabilität hat Finnland bereits 2002 als erstes westliches Land den Ausbau der Atomkraft beschlossen. Nach einer positiven Grundsatzentscheidung durch die bürgerliche Regierungskoalition, die gemäß finnischem Kernenergiegesetz von 1987 zunächst die Gemeinwohlverträglichkeit derartiger Kraftwerksprojekte zu überprüfen hat, stimmte auch das Parlament dem Bau eines fünften Reaktors in Finnland zu.

Gesellschaft im Dialog

Der Entscheidung zum Neubau des Atomkraftwerks Olkiluoto 3 war ein intensiver gesellschaftlicher Dialog vorausgegangen. In den Entscheidungsprozess waren neben Ministerien, Behörden, Gebietskörperschaften auch Verbände und Organisationen sowie die allgemeine Öffentlichkeit eingebunden. Für und Wider des Bauvorhabens wurden unter anderem in öffentlichen Anhörungen intensiv erörtert. In einem konstruktiven Dialog, in dem sich auch besonders viele Frauen engagierten, setzte sich in Finnlands Gesellschaft schließlich die Einsicht durch, dass mehr Argumente für die Nutzung der Kernenergie sprechen als dagegen.

Heute gibt es in Finnland einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit der Kernenergie als Bestandteil eines tragfähigen Energiemixes. Auf Basis des Beschlusses der finnischen Regierung, „keine emissionsfreien Energieträger aus den Energiealternativen auszuschließen“, diskutieren Öffentlichkeit und Politik derzeit über den Bau eines sechsten Reaktors. Laut jüngsten Umfragen befürworten rund 60 Prozent der Finnen ein solches Vorhaben.

Link:

Botschaft von Finnland: "Finnland diskutiert Energiezukunft"TVO: Das finnische Kernkraftwerksprojekt Olkiluoto 3wiwo.de: "Urlaubsgrüße der Atomlobby aus Finnland"AREVA NP GmbH

© Informationskreis KernEnergie


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