"Kernenergie erhält Hunderttausende industrieller Arbeitsplätze"

"Kernenergie erhält Hunderttausende industrieller Arbeitsplätze"

Welche Energiepolitik braucht der Industriestandort Deutschland? Und welche Rolle kann die Kernkraft in der gegenwärtigen Wirtschaftslage spielen? Ein Gespräch mit den Konzernbetriebsratsvorsitzenden der vier deutschen Kernkraftwerksbetreiber.

Für 2010 erwartet die OECD in Deutschland ein leichtes Wirtschaftwachstum von 1,5 Prozent.
Inwieweit kann die Kernenergie beim Aufschwung helfen?


Günter Reppien: Die Kernenergie ist ein sehr wichtiger Baustein, um die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen. In Zeiten wie diesen ist die Industrie noch mehr als sonst auf striktes Kostenmanagement angewiesen. Energiekosten sind ein wichtiger Standortfaktor.

Klaus Dieter Raschke:
Genau. Gerade jetzt kann keiner auf die preisdämpfende Wirkung der Kernenergie
verzichten. Die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke würde diese Wirkung verstärken. Und: Im Gegensatz zu anderen Konjunkturmaßnahmen würde sie den Steuerzahler nichts kosten.

Dietrich Herd
Dietrich Herd, Vorsitzender Arbeitskreis der Betriebsräte bei EnBW
Welche Folgen für den Arbeitsmarkt hätte aus Ihrer Sicht ein Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie?

Dietrich Herd:
Sollte es wirklich dazu kommen, wären die Auswirkungen sehr weitreichend. Natürlich würden sie die Mitarbeiter treffen, die heute in den Anlagen arbeiten. Die Auswirkungen gingen aber weit darüber hinaus. Mehrere Zehntausend Arbeitsplätze bei Zulieferund Servicefirmen wären betroffen. Alles zusammen hätte natürlich gravierende Folgen für die regionalen Arbeitsmärkte, denn in den Anlagen haben wir Arbeitsplätze für hoch qualifizierte Spezialisten, und für die gibt es im direkten Umfeld von Kernkraftwerken in der Regel nicht viele Alternativjobs. Von den Auswirkungen, die das auf die Gemeinden im Umkreis der Kernkraftwerke hätte, ganz zu schweigen.

Raschke: Hinzu kommt: Durch den Ausstieg würde man in Kauf nehmen, dass Know-how am Forschungs- und Technologiestandort verloren geht. Gleichzeitig würde Deutschland seine Mitsprache bei
künftigen internationalen Sicherheitsstandards einbüßen.

In Deutschland sind weit mehr neue Jobs im Bereich erneuerbare Energien entstanden als in der Kernenergie. Gehen Ihnen damit nicht die Argumente aus?

Rainer Kruppa: Es ist gut, dass unser Land bei der Entwicklung regenerativer Energietechnologien weltweit vorn dabei ist. Das stärkt unsere Wirtschaft. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Wirtschaft durch den Verzicht auf die Kernenergie schwächen dürfen. Diese Jobs sind notwendig für den Erhalt Hunderttausender industrieller Arbeitsplätze.

Reppien:
Eine Energieart gegen die andere auszuspielen, führt zu nichts. Die erneuerbaren Energien sind wichtig. Als Betriebsrat freue ich mich, dass so viele neue Jobs entstanden sind. Fakt bleibt: Ein
Industrieland wie Deutschland braucht Großkraftwerke, die 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Strom in großer Menge bereitstellen. Und das schaffen erneuerbare Energien derzeit nicht.

Rainer Kruppa
Rainer Kruppa, Konzernbetriebsratsvorsitzender Vattenfall Europe AG
Die Kernkraft sei ein Auslaufmodell, so die Kritiker. Welche Erfahrungen machen Sie ? ist ein Arbeitsplatz im Kernkraftwerk bei jungen Leuten heute noch gefragt?

Raschke:
Und ob. Die Kernenergie ist ein attraktives Arbeitsumfeld für junge Menschen. Das zeigen unter anderem die hohen Ausbildungszahlen. Trotz Ausstiegsbeschluss ist der Bedarf an Nachwuchskräften hoch. Wir stellen Jahr für Jahr Ingenieure verschiedener Fachrichtungen ein.

Herd: Auch wir haben keine Probleme, offene Stellen mit jungen Leuten zu besetzen. Im Gegenteil, die Ausbildungsplätze in den Kernkraftwerken sind sehr begehrt. Es hat sich herumgesprochen, dass hier
gut ausgebildet wird. Die Kernkraftwerke sind in den Regionen akzeptiert und werden - übrigens nicht nur von den Jugendlichen - als gute Arbeitgeber geschätzt.

Reppien: Wir beobachten in den vergangenen Jahren einen erfreulich starken Zulauf an jungen Leuten. Aber: Der Nachwuchs macht sich durchaus auch Sorgen darüber, was geschieht, wenn es beim Ausstiegsszenario bleiben sollte.

Klaus Dieter Raschke
Klaus Dieter Raschke, Konzernbetriebsratsvorsitzender E.ON Energie AG
Die Gewerkschaften spaltet das Thema Kernkraft nach wie vor. Welche Energiepolitik erhoffen Sie sich persönlich von der neuen Bundesregierung?

Kruppa: Wir brauchen eine Energiepolitik aus einem Guss. Die neue Regierung hat wohl genau das im Sinn. Gut so. Die Entscheidung, das Moratorium der Endlagererkundung in Gorleben aufzuheben und ergebnisoffen weiter zu forschen, war längst überfällig.

Herd: Von der schwarz-gelben Bundesregierung erwarte ich in der Energiepolitik Entscheidungen, frei von Ideologie. Im Interesse der Unternehmen, aber auch im Interesse der Wirtschaft und der Menschen brauchen wir klare Entscheidungen. Gerade mit Blick auf die Klimaproblematik und eine mögliche Erzeugungslücke
gibt es zu einem breiten Energiemix keine Alternative.

Reppien: Der Klimaschutz macht eine Reduzierung der CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung unverzichtbar. Von der neuen Regierung erhoffe ich mir, dass sie ihre Politik darauf ausrichtet, mit jedem eingesetzten Euro möglichst viel für das Klima zu erreichen. Tut sie das, kommt sie meines Erachtens nicht an der CO2-freien Kernenergie vorbei: Eine Laufzeitverlängerung erspart uns Milliardenaufwendungen zur Erreichung der Klimaziele.

Günter Reppien
Günter Reppien, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Betriebsräte im RWE-Konzern
Wie bringen Sie sich als Arbeitnehmervertreter in die gesellschaftliche und politische Debatte ein?

Reppien: Wir suchen aktiv das Gespräch auf allen Ebenen der Gesellschaft. Wir reden und überzeugen mit Beispielen, die die Menschen verstehen. Wir stellen dabei fest, dass immer mehr Menschen die Vorteile
der Kernenergie erkennen.

Kruppa: Ich verstehe mein Amt auch als gesellschaftliche Aufgabe. Deshalb versuche ich mich in die Debatte einzuschalten,wo immer es mir möglich ist: in politischen Gesprächen ebenso wie auf öffentlichen Veranstaltungen.

Herd: Viele Entscheider haben noch nie ein Kernkraftwerk von innen gesehen ? das haben sie übrigens mit vielen Kritikern gemeinsam. Hier gilt es, Kontakte zu knüpfen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Das heißt nichts anderes als informieren, sprechen und aufklären. Das ist nicht immer einfach, teilweise ist es auch mühsam. Aber es lohnt sich und ist letztlich der Weg, der Vertrauen schafft und Vorurteile ausräumt. Und nur wer über ausreichend Informationen verfügt und Antworten auf seine Fragen bekommen hat, kann auch verantwortungsvoll entscheiden.

Raschke: Es ist nicht immer leicht, der meist sehr polemisch geführten Debatte zu begegnen. Wir scheuen die Auseinandersetzung jedoch nicht und gehen bewusst auf die Kernenergiekritiker zu. Wir wissen allerdings, dass wir die Ängste der Menschen ernst nehmen und vor allem auch respektieren müssen.