Focus online:
29.7.2010
Atomindustrie dringt auf „15 Jahre plus X“
Für die nötige Abwechslung und für richtigen Stress am Simulator Unterweser sorgt heute Ausbildungsleiter Christian Groenitz, der sich für die nächste Übung ein kleines Ablenkungs manöver ausgedacht hat, das den eigentlichen Störfall zunächst überlagern wird. Doch der inszenierte Ausfall eines Messgerätes irritiert die Mannschaft kaum. Hochkonzentriert verfolgen Anlagen fahrer Lothar Grabbe und sein Kollege Rainer Dierkes
an einem der Monitore einen ungewöhnlichen Druckanstieg im Containment. Um 08:51 Uhr löst der automatische Reaktorschutz Alarm und eine Schnellabschaltung des Reaktors aus. Jetzt kommt doch etwas Anspannung in der Leitwarte auf. Eine Warnhupe ertönt laut, überall blinken jetzt Warnleuchten und zucken die Schreiber der Messgeräte über das Diagrammpapier.
Vor allem Druck und Temperatur verändern sich offenbar im Reaktorkern. Die Automatik des Reaktorschutzsystems sorgt dafür, dass bei Über- oder Unterschreiten bestimmter Messwerte automatisch in Sekunden der Reaktor abgeschaltet wird. Offenbar ist eine Leitung im Primärkreislauf des Kühlsystems geplatzt. Ein mittleres Leck, ein Störfall, der in einem deutschen Kernkraftwerk noch nie vorgefallen ist.
Wilfried Schwarze schreitet die Anzeigetafel des Reaktorschutzes ab und überprüft gewissenhaft, ob die Schnellabschaltung und die ausgelöste Notkühlung alle vorgesehenen Maßnahmen ordnungsgemäß durchführen. Er sagt: "Der automatische Gebäudeabschluss hat entsprechende Verbindungen in das und aus dem Reaktorgebäude wie vorgesehen hermetisch verschlossen. Für Hektik besteht aber für uns kein Anlass.
Die nächsten 30 Minuten wird die Anlage automatisch runtergefahren. Der Mensch kann und soll hier gar nicht eingreifen." Mittlerweile hat Schichtleiter Ulf Stange das Betriebshandbuch aus dem Regal geholt und die Verfahrensregeln und Entscheidungsabläufe für diesen Störfall aufgeschlagen. Er ruft seine Mannschaft zusammen: "Jetzt müssen wir die Zeit nutzen, um den Störfall eindeutig zu identifizieren und abhängig davon
das weitere Vorgehen festzulegen. Im Vordergrund steht der Abtransport der Nachzer fallswärme." Obwohl der Reaktor automatisch abgeschaltet wurde, bleibt trotz des vollständigen Endes der Kettenreaktion eine "Restwärme" im Reaktor, die die Brennstäbe und den Druckbehälter gefährden könnte. Sie kommt dadurch
zustande, dass die frischen Spaltprodukte der zuletzt noch gespaltenen Atomkerne jetzt radioaktiv zerfallen und weiter Wärme erzeugen. Da keine neuen Spaltungsreaktionen mehr stattfinden, kann die Nachzerfallswärme nicht durch die Steuerstäbe beeinflusst werden, sondern muss jetzt durch Not- und Nachkühlsysteme
abgeführt werden.
Ulf Stange: "Der Reaktor fährt jetzt, wie im Betriebshandbuch vorgeschrieben, mit 120 Kelvin pro Stunde ab. Die Sicherheitseinspeisung über die Hochdruck-Einspeisepumpen läuft einwandfrei. Jetzt müssen wir sehen, ob das Kühlwasser das Leck überspeist oder nicht. Wenn nicht, dann handelt es sich um ein großes Leck im Primärkreis." Mit Hilfe von vier unabhängigen, parallel angeordneten Pumpen ist die Notkühlung zu 4 x 50 Prozent gewährleistet. Zwei Leitungsstränge reichen bereits aus, für die sichere Abfuhr der Nachzerfallswärme.
Um 09:22 Uhr atmen die Männer auf. Das Abfahren des Reaktors ist abgeschlossen. "Jetzt kommen wir in eine Phase, die viel Geschick und Training erfordert", flüstert Ausbildungsleiter Groenitz. Bislang ist er mit der Leistung des Teams sehr zufrieden. Ulf Stange macht die nächste Ansage: "Warten bis Anlagenzustand unter 160 °C und Kühlmitteldruck im Reaktorkühlkreislauf größer 9 bar. Der Wasserstand im Druckhalter ist auf sechs bis acht Meter anzuheben." Die Sicherheits einspeisepumpen müssen so lange zusätzliches Kühlwasser in den Reaktordruckbehälter einspeisen, bis der Druck unter 9 bar gebracht wird, damit die Niederdrucknachkühlpumpen das Wasser, das sich mittlerweile am Boden des Sicherheitsbehälters im so genannten Sumpf angesammelt hat, wieder in den Kühlkreislauf zurückpumpen können, um im Bedarfsfall auch eine lang fristige Kühlung zu gewährleisten.
Doch zunächst geht es darum, den Wasserfüllstand im Reaktordruckbehälter über den Brennelementen zu halten. Hier gibt es drei verschiedene Mindestfüllstände, die eingehalten werden müssen. Dazu benötigen die Reaktorfahrer viel Aufmerksamkeit. Jetzt kommt es darauf an, die vier Sicherheitseinspeise pumpen nach und nach abzuschalten, ohne dass der Füllstand unter die festgelegten Markierungen fällt.
Um 09:36 Uhr wird die erste Pumpe TH45D001 ausgeschaltet. Um 09:44 Uhr auch TH35D001. Um 09:46 Uhr folgt TH25D001. 09:55 Uhr, Lothar Grabbe: "Der Füllstand im Druckhalter sinkt zu schnell!" Ulf Stange: "TH25D001 wieder einschalten!" Fünf Minuten später geht TH15D001 außer Betrieb. Mittlerweile
laufen alle Niederdrucknachkühl pumpen, da der Druck im Reaktorbehälter tief genug gesunken ist. Um 10:04 Uhr kann auch TH25D001 wieder ausgeschaltet werden. "Alle vier Sicherheitseinspeisepumpen
außer Betrieb!", ruft Wilfried Schwarze.
10:06 Uhr: Der Druck hat sich bei 9,8 bar eingependelt. Die Anlage ist wieder im stabilen Zustand. Das Team hat die Aufgabe am Simulator hervorragend gelöst.
Christian Groenitz wird später am Nachmittag im Schulungsraum bei der Nachbesprechung das Team loben: "Die Kommunikation im Team lief hervorragend. Es wurden bei jeder Schalthandlung die Drei-Wege-Kommunikation und das Vier-Augen-Prinzip eingehalten. Jedes Teammitglied hat selbstständig mitgedacht und gehandelt und Verantwortung übernommen."
Verantwortung ist auch für Dr. Eberhard Hoffmann ein zentraler Begriff: "Wir verlangen - wie es zum Beispiel die Lufthansa von ihren Piloten und Flugbegleitern auch erwartet ? von den Mitarbeitern, dass sie präzise, zuverlässig und regelkonform arbeiten, auch wenn keiner hinguckt. Das ist eine innere Haltung. Wir nennen diese innere Haltung Sicherheitskultur." Der Tag am Simulator geht zu Ende. Morgen stehen die Bewertungen der einzelnen Mitarbeiter der Unterweser-Schicht an.
Lothar Grabbe ist nachdenklich: "Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. Ich bin kein ängstlicher Typ. Angst wäre auch fehl am Platze. Stattdessen muss man einfach Respekt haben vor der Anlage."